Der neue Band mit Kurzgeschichten von Marion Röttgen wurde jüngst in der Heilbronner Stimme gewürdigt

Miniaturen mit unverhofftem Ende

„Schlimme Geschichten“: Marion Röttgens neues Buch

Von der Redakteurin Angela Groß der Heilbronner Stimme

Ihr neues Buch mit Kurzgeschichten hat Marion Röttgen, die mit ihrem Mann in Löwenstein und Stuttgart lebt, „Schlimme Geschichten“ genannt. Alle 22 dieser lesenswerten Miniaturen drehen sich um Menschen, es sind Jüngere, Ältere, Normale – und nicht immer stehen sie auf der Sonnenseite des Lebens. Röttgen erzählt Alltagsgeschichten, Episoden, wie sie jeder überall erleben könnte oder schildert Situationen, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Es ist nach „Kindheiten“ (2012) das zweite Buch von Röttgen. Ihr Löwensteiner Haus eignet sich besonders gut zum Schreiben.

Federstriche

Die Autorin skizziert mit ein paar Federstrichen auf wenigen Seiten Dinge, die nicht glatt laufen. Es sind Momentaufnahmen, kurze, knappe Beschreibungen in einer klaren Sprache, die genau so abrupt enden wie sie an Fahrt aufgenommen haben. Da wird erzählt von dem Mädchen Hanna, das im feinsten Café von Hamburg-Blankenese mit ansehen muss, wie der Vater ihren Schwarm demontiert. Da geht es um eine zufällige Begegnung im Zug: Im Abteil nehmen nicht nur Passagiere Platz, auch Gefühle reisen mit. Auf dem Boden von Unbehagen wächst plötzlich Verständnis, als eine der Reisenden ihr Herz ausschüttet und das Mitgefühl gewinnt. Da wird aus einer Fahrt in einem griechischen Taxi plötzlich eine Begegnung zweier wildfremder Menschen, die Nähe zulassen und sich gemeinsam auf die Suche nach der Vergangenheit machen.

Tragödien

Eine Antwort, warum sich Hoffnungen nicht erfüllen, am Lebensende die Einsamkeit hartnäckig nicht von der Seite weichen will oder warum Begegnungen häufig an einem Zuviel oder Zuwenig scheitern, bekommt der Leser nicht. Ihn lässt die Autorin nur für einen bestimmten Moment zusehen, dann zieht sie die Reißleine – weiter zur nächsten Geschichte. Genaue Beobachtungen der Dinge lassen den Blick auf das dahinterstehende größere Ganze durchscheinen. Die „kleinen Tragödien des Lebens“ nimmt die 69-jährige Logopädin, Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin auf 130 Seiten in den Blick, hat den Mut zum manchmal unversöhnlichen Ende. Vergnüglich sind die Geschichten zu lesen.

 

Quelle: Heilbronner Stimme